Tiefenbach
"Es gibt keine wichtigere Sorge in der Schule als die, den Geist der Wahrheit und des Vertrauens in ihren
Räumen zu erhalten. Er will aber nur wohnen, wo zugleich der Geist der Freiheit wohnt."

Friedrich Paulsen (1846 - 1908), deutscher Pädagoge und Philosoph

Jahrgangsgemischtes Lernen
an der Grundschule am Lichtacker Tiefenbach

Bereits seit 2010 gibt es an unserer Schule jahrgangsgemischte Klassen. Damals gab es nur 10 Vorschulkinder – zu wenige, um eine eigene Jahrgangsklasse bilden zu können - und so war die Bildung von Kombiklassen die Möglichkeit, die Schule am Ort zu erhalten.

Die Jahrgangsmischung wiederum machte es notwendig, den Unterricht auf vielfältige Weise zu verändern – und diese Veränderungen waren so positiv für die Kinder, für das Lernen, für das Miteinander an Schule, dass wir zum Schuljahr 2013/14 alle unsere Klassen kombiniert haben.

Dieses Konzept stellt eine sinnvolle Lösung für unsere kleiner werdende Schule dar.
Damit bieten wir zukünftigen Eltern und Kindern Verlässlichkeit und Kontinuität.

„Es gibt nichts Ungerechteres als die gleiche Behandlung von Ungleichen.“
Paul F. Brandwein

Die pädagogische Grundidee altersgemischten Lernens ist es, die Verschiedenheit der Kinder nicht nur zu akzeptieren, sondern zu nutzen. Während in jahrgangsreinen Klassen die Kinder in ihrer Lernentwicklung vermeintlich „gleich weit“ sind, sind sie das in einer jahrgangsgemischten Klasse nicht mehr – hier ist die Heterogenität der Kinder klar erkennbar. Das verändert den Unterricht und genau darin liegen auch die Chancen der Jahrgangsmischung:

Nicht mehr der Lehrer ist Zentrum des Unterrichts,
sondern das Lernen voneinander und miteinander.

Gemeinsames Lernen ist Lernen im sozialen Austausch – die Kindern haben im Unterricht viel miteinander zu tun, sie machen vielfältige soziale Erfahrungen, erleben menschliche Nähe und fühlen sich sozial eingebunden. Sie entwickeln dadurch sprachliche Kompetenzen und üben wichtige soziale Verhaltensweisen ein, wie Rücksichtnahme, Zusammenarbeit, Konfliktfähigkeit, demokratische Umgangsformen, Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Empathie.

„Menschliches Lernen vollzieht sich immer schon in der Gesellschaft und gemeinschaftliches Handeln ist wahrscheinlich der bedeutsamste Verstärker.“, so Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer.

Die jüngeren Kinder wachsen in eine bestehende Klassengemeinschaft hinein. Sie lernen am Modell, orientieren sich an älteren Schülerinnen und Schülern und übernehmen ganz selbstverständlich in der Klasse bereits bestehende Rituale und Regeln, Arbeits- und Lerntechniken.

Die Kinder erklären sich die Lerninhalte gegenseitig, lernen durch Lehren. Das bringt nicht nur dem Kind, das Hilfe und Unterstützung bekommt, einen großen Vorteil, sondern auch demjenigen, das etwas erklärt. Es trainiert dabei seine sprachlichen Fähigkeiten, seine Kooperationsfähigkeit, wiederholt und verinnerlicht die Lerninhalte nachhaltiger. Nur was ich wirklich verstanden habe, kann ich auch erklären. Und ganz wichtig: das Kind erlebt sich selber als kompetent – das stärkt Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl und steigert die eigene Lernmotivation.

Durch die Altersmischung ergibt sich ein Rollenwechsel ganz selbstverständlich. Jedes Kind, auch ein leistungsstarkes, erlebt, dass ein anderes Kind mehr kann. Und auch jedes langsam lernende Kind kann sich als Helfer erleben.

Im jahrgangsgemischten Unterricht lernen die Kinder nicht nur durch Lesen oder Hören. Sie versprachlichen, diskutieren und tun selber - am Austausch mit anderen sind immer mehrere Wahrnehmungskanäle beteiligt und dieses mehrkanalige Lernen verbessert die Behaltensleistung. Außerdem ergibt sich durch den Austausch untereinander eine stetige Wiederholung und Vertiefung der Unterrichtsinhalte.

Für die Lehrkraft bedeutet das zwar mehr Aufwand bei der Vorbereitung, aber im Unterricht hat sie dann mehr Zeit, um jedes Kind individuell beim Lernen zu begleiten und zu fördern. Die Rolle der Lehrkraft verändert sich: sie ist nicht einzige Wissensvermittlerin, sondern Lernbegleiter für die Kinder.

Individuell lernen heißt, jeder Schüler bekommt nicht die Aufgaben, die zu seiner Jahrgangsstufe gehören, sondern er bearbeitet die Aufgaben, die zu seinem momentanen Lernstand passen. Und da beim Lernen neue Inhalte an bereits bestehendes Wissen angeknüpft werden, ist das auch sinnvoll.

Diese individualisierte Lernform setzen wir um während offener Unterrichtsphasen durch

  • Buchstaben- und Lese-Lernpläne in Klasse 1
  • die Arbeit mit der Rechtschreibkartei in den Klassen 2 - 4
  • Mathematik-Lernpläne in den Klassen 1 – 4
  • Portfolioarbeit in den Klassen 1 – 4

Die Kinder erhalten bei ihrer Arbeit kontinuierlich persönliche Rückmeldung und Hilfestellung durch die Lehrkraft. Sie entwickeln Kompetenzen z.B. im Bereich der Arbeitsorganisation. Das gibt jedem einzelnen Kind Sicherheit und Halt und fördert damit das selbstständige Lernen.

Jedes Kind entscheidet selber, ob es ein Spiel macht, an einem Lernplan weiterarbeitet oder ein Buch liest, ob es alleine arbeitet oder mit einem Partner, ob es im Klassenzimmer, Nebenraum, auf dem Flur arbeiten will... innerhalb eines abgesprochenen Rahmens entscheidet jedes Kind selber was, wo, mit wem und wie es arbeiten will. Dieses selbstbestimmte Lernen lässt jedem Kind Entscheidungsspielraum und die eigene Verantwortung und stärkt dadurch seine Lernmotivation.

Gesprächskreise verbinden schließlich das Lernen des einzelnen immer wieder mit der Gesamtgruppe. Die Kinder bringen ihre Arbeitsergebnisse in die Klasse ein, lesen beispielsweise einen selbst verfassten Text vor, halten ein Referat, stellen einen Versuch vor oder berichten, wo sie feststecken und nicht mehr weiter kommen. Sie erhalten dann von den anderen Kindern Rückmeldung in Form einer Würdigung ihrer Arbeit oder auch Tipps zur Weiterarbeit.

Auch hier wird wieder deutlich, dass das Lernen voneinander und miteinander im Zentrum steht. Konkurrenzdenken und Versagensängste kommen bei dieser Arbeitsform weit weniger zum Tragen. Und das wünschen wir uns für alle Kinder, dass sie angstfrei und mit Freude lernen!